Liebe Eltern und Geschwister!
Liebe Freunde und Bekannte!
Liebe Mitschwestern!
Liebe Gerlinde!
Heute haben wir mit unseren Jubilarinnen Gott gepriesen und gedankt. Jetzt
dürfen wir mit Freude und Dankbarkeit dich - liebe Gerlinde -
in das Noviziat aufnehmen. Nach drei Jahren Kandidatur, in der du unsere
Ordensgemeinschaft und wir dich näher kennen gelernt haben, bittest
du um die Aufnahme in das Noviziat.
Einige Gedanken aus der Predigt von Bischof Dr. Manfred Scheuer von Innsbruck
anlässlich der Weihe eines Priesters im Innsbrucker Dom, haben mich
sehr bewegt. Ich zitiere:
"Wie viele Priester werden in diesem Jahr geweiht?
in den letzten Tagen sind häufig Zahlen und Statistiken durch die Medien
gegangen. von einem historischen Tiefstand von nur 25 Priesterweihen in Österreich
war die Rede. Und dann die entlastende Meldung: es werden doch 31 geweiht,
also ist es nicht ganz so schlimm. Auch bei Priesterweihen gibt es Ska-len
oder Rankings. Die Quoten entscheiden über Qualität oder Versagen.
Im Anfang war die Zahl? Was wichtig ist, wird erschlossen über Kennziffern,
nicht über die Sprache, auch nicht über Bilder, schon gar nicht
über Fragen des Glaubens. Die Übersetzung von Wirklichkeit in Zahlen
macht es unwahrscheinlich, dass alle Dimensionen von Wirklichkeit gleichermaßen
kommuniziert werden. Logik und Mathematik können Totes festhalten, nicht
aber Lebendiges verstehen.“
Den nun folgenden Teil aus der Predigt Bischof Scheuers stimme ich auf unsere
Gerlinde ab:
„Wie viele werden bei euch eingekleidet? Nur eine! Bei
Zah-len geht das Wörtchen „nur“ leicht über die Zunge. Was aber
ist es, wenn die Zahlen einen Namen haben? Können wir auch leicht sagen:
„Nur Gerlinde?“ Nein! Es würde der heuti-gen Feier in keine Weise angemessen
sein und schon gar nicht Gerlinde gerecht werden. Wir freuen uns, dass wir
Ger-linde Pecksteiner ins Noviziat aufnehmen dürfen. Sie ist ein Geschenk
Gottes für unsere Gemeinschaft und die ganze Kirche. Wenn wir den Blick
auf konkrete Gesichter richten, dann fressen uns die Löcher des Mangels
nicht auf, dann müssen wir auch nicht von der Angst vor der Zukunft
besetzt oder besessen sein.“ Soweit Bischof Dr. Scheuer.

Gerlinde hat vor einem Jahr ihre erste Ikone gemalt.
Sie sehen sie auf dem Altar und auf dem Feiertext.
Ikonen malen heißt eigentlich: sein inneres Christusbild suchen und
zur Welt kommen lassen.
Wenn Sie diese Ikone anschauen, denken Sie vielleicht: ein herbes Gesicht.
Schauen Sie länger hin, ja lassen Sie sich anschauen. Spüren sie
die Güte im Blick Jesu? Es ist ein Blick, der mich meint! Fühlen
Sie sich liebend angeblickt? Strahlt nicht eine geistliche Schönheit
aus dem Gesicht? Je mehr ich in dieses Gesicht, in diese Augen schaue, umso
mehr erfasst und fasziniert mich etwas, was mich nicht mehr loslässt:
es sind Augen, in die Gott tief hineingeschaut hat und aus denen mich Gott
suchend und liebend anschaut.
Das ist ein tiefes Geheimnis jeder Berufung.
Edith Stein, Sr. Teresia Benedicta betet:
„Du senkst voll Liebe deinen Blick in meinen …
und füllst mit Frieden tief das Herz. …
Ich bin nicht mehr, was einst ich war“.
Hier haben wir das Geheimnis der Augen. In ihnen begeg-nen sich Gott und
die betende Seele. Diese Begegnung schenkt tiefen Frieden.
„Was Gott von Dir will, das musst Du schon Auge in Auge
mit IHM zu erfahren suchen.“ sagt Sr. Teresia Benedicta.
Um dieses Aug in Aug mit IHM zu vertiefen braucht es Zeiten, die frei sind
von allzu vielen äußeren Ablenkungen. Das Noviziat ist so eine
Zeit. Weg vom Trubel der Welt! Ja, es verlangt geradezu eine gewisse Zurückgezogenheit.
Im Buch Hosea lesen wir, dass Gott zu seinem geliebten Volk spricht:
„Darum
will ich sie selbst verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen
und sie umwerben.“ Gott führt auch uns in die Wüste, damit
wir lernen IHN klarer zu sehen und offen und leer werden für IHN.
Ikonen sind Fenster zur Ewigkeit. In Ihnen dürfen wir das Göttliche
ertasten und erahnen.
„Ikonen sind gemalt, um uns in den inneren Raum
des Gebets zu leiten und uns ganz nahe zum Herzen Gottes zu bringen. Sie
versuchen uns einen Schimmer vom Himmel zu geben“, so sagt Henry Nouwen“
In unseren Konstitutionen heißt es vom Ziel des Noviziates:
„In
der Novizin muss vor allem die innere Erkenntnis der Per-son Jesu Christi,
der die Mitte unseres Lebens ist, vertieft werden.“
Jesus kennen und lieben lernen, IHN anschauen und sich anschauen lassen.
Das Noviziat ist eine Intensivzeit, aber wir dürfen dazu ein Leben lang
brauchen. Ein ganzes Leben lang sind wir Lernende und dürfen reifen.
Liebe Gerlinde! Der Herr hat dich liebend angeblickt. Er hat dich gerufen
und du bist bereit, zu folgen. Die Zeit des Novi-ziates ist eine Zeit, in
der du unsere karmelitanische Spiritua-lität intensiver kennen lernen
wirst. Die Regel wird dir helfen, unsere Spiritualität im Alltag zu
leben, im Alltag Kontemplati-on und Aktion zu einer fruchtbaren Einheit zu
verbinden.
Letzte Norm jeder Regel einer Gemeinschaft ist das Evangelium. Das Evangelium
ist der leuchtende Goldgrund jeder Ordensregel. Dieser Satz hat mich persönlich
in meinen ersten Ordensjahren tief bewegt und begeistert. Im Evangelium ist
uns das Leben Jesu vor Augen gestellt, es führt uns ein in die Nachfolge
Jesu. Die Kirche hat uns dazu die drei evangelischen Räte, wie sie im
Evangelium grundgelegt sind, als Hilfen gegeben, die Nachfolge Jesu radikaler
leben zu können. Dazu wollen uns die Ordensregeln Hilfe, ein Stück
Geländer sein, das Halt gibt.
Da Ordensleben sich wesentlich in Gemeinschaft vollzieht, ist die Gemeinschaft
auch das Lernfeld, das zu dieser Rei-fung hilft. Wir dürfen erfahren,
dass uns die Gemeinschaft trägt, zugleich aber auch eine große
Herausforderung an die Einzelne sein kann.
Das Noviziat, der eigentliche Beginn des Ordenslebens, ist eine Zeit des
tieferen Hineinwachsens in diese Gemeinschaft.
So stehst auch du, liebe Gerlinde, vor einem Neubeginn. Voll Vertrauen darfst
du alles: Vergangenes, Gegenwärtiges und Kommendes in Gottes Hand legen,
aus seiner Hand anneh-men und dich ganz seiner Führung anvertrauen.
ER ruft dir zu: „Fürchte dich nicht, ich bin ja bei dir.“
Dadurch, dass Gott nicht nur ein Gott-für-uns und ein Gott-mit-uns,
sondern und vor allem ein Gott-in-uns wurde und ist, können wir selbst
zu einer Ikone Gottes werden, zu einem Fenster, durch das die Menschen Gott
erahnen können sollen. „Seien Sie einfach ein Fenster, durch das ein
Größerer hindurchschimmert – unser Herr.“
Von dieser Realität dürfen wir auch ein wenig erspüren und
erahnen, wenn wir heute in die Gesichter unserer Jubilarinnen schauen.

Liebe Gerlinde, ich wünsche dir von Herzen, dass du wie Therese vom
Kinde Jesu einmal sagen kannst. „Ich habe es nie bereut, mich der ewigen
Liebe hingegeben zu haben.“
Es ist trotz manch leidvoller Erfahrungen schön und beglückend
sich Jesus hinzugeben.
Bild links: Sr. M. Beata hHeitzinger aus Steyregg blickt auf 70 Professjahre
zurück.